Axt

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AXT – PORTRAITS

Schauspieler, Politiker, Künstler, Anwälte, Kellner, Musiker, Grafiker, Designer, DJs, Architekten, Sportler, Ärzte, meine Kinder und zuletzt ein Hooligan – alle wurden mit der selben Axt fotografiert.

In die Hände fiel mir die Axt vor etwa 30 Jahren auf einer Gartenparty. Seitdem entstehen meine Axt – Portraits.

MYGDAL

 

Eine Suchmeldung

 

 

aufgegeben von

Günter Götz Richter

 

Mygdal war spurlos verschwunden. Warum hatte ich es bei diesem Teil der Wahrheit nicht bewenden lassen wollen?

Bereust du deine Entscheidung, der ganzen Wahrheit nachzugehen?

Inzwischen bin ich sicher: ich hatte gar keine andere Wahl. Von einem gewissen Moment an befand ich mich im Schwerefeld des „Falles Mygdal“, zufällig und doch zwangsläufig. Seitdem habe ich das Gefühl zu stürzen.

Hast du Angst?

Wovor? Vor dem Aufprall? Ich stürze ins Bodenlose. Ein Aufprall ist nicht zu befürchten. Die Einsamkeit macht mir zu schaffen. Ich befinde mich vollkommen allein auf diesem Flug.

Sturz oder Flug?

Sturzflug. Es geht abwärts. Der Sturz hat etwas Paralysierendes.

Du warst Adam Mygdal vorher nie begegnet?

Niemals. Weder hatte ich ihn gesehen noch von ihm gehört oder gelesen.

Wie erklärst du dir das: Du erfährst durch Zufall vom Verschwinden eines wildfremden Mannes, und diese Tatsache treibt dich an den Rand des Wahnsinns?

Du sprichst von einer Tatsache. Welche Sache ist in dieser Angelegenheit Ursache oder Wirkung welcher Tat? Fest steht, dass ich nie mit Mygdal zu tun hatte, obwohl er in der Nähe wohnte und denselben Beruf ausübte wie ich. Nie zuvor hatte ich seine wunderbaren, geheimnisvollen Portrait-aufnahmen gesehen. Ein Wildfremder, wie du sagst. Und dennoch beunruhigte mich sein Verschwinden, als hätte ich dadurch bemerkt, dass mir ein wichtiges Stück meiner selbst verloren gegangen war.

Hättest du die Angelegenheit nicht besser der Kriminalpoli-zei überlassen sollen?

Ich hatte die Angelegenheit der Kriminalpolizei überlassen. Für die war Mygdals Verschwinden nicht zum Problem geworden, weil niemand sich gemeldet hatte, der ihn vermisste. Mygdal hatte „keine Erben“, wie man heute so schön sagt. Sein Verschwinden bewirkte nichts, außer, dass gewisse Zahlungen ausblieben. Offenbar waren Miete, Steuern usw. einige Monate im Voraus bezahlt. In seinem Ladenschaufenster verkündete ein Schild: „Wegen Urlaub geschlossen“. Die Hausbewohner hatten ihn stets nur selten gesehen, und niemandem war sein Verschwinden aufgefallen. Die Behörden wurden aufmerksam und benachrichtigten die Polizei. Mygdals Wohnung hinter seinem Laden wurde geöffnet.

Ein Kollege von mir, der gelegentlich für die Polizei arbeitet, war wegen einer Fotoreportage gerade im Ausland unterwegs. Er hatte mich gebeten, ihn zu vertreten. So kam ich zu dem Auftrag, Fotos von Mygdals Wohnung anzufertigen. Die Wohnung machte keinen verlassenen Eindruck. Nur ziemlich dicker Staub verriet, dass hier schon einige Zeit niemand mehr aus- und eingegangen war. Es hätte mich keineswegs überrascht, wenn Mygdal im Labor oder in einem seiner drei Zimmer gesessen, unser Eindringen überhört und verwundert gefragt hätte, was dieser Auftritt solle. Aber es war niemand da. Alles sprach dafür, dass hier jemand nur für kürzere Zeit fortgegangen war, vielleicht für die Dauer eines Urlaubs. Nichts deutete auf die Absicht einer längeren Abwesenheit hin. Zwar war der Kühlschrank vollkommen leer und nirgends befand sich irgend etwas Verderbliches, keine Abfälle, auch keine Blumen. Trotzdem empfand ich die Wohnung nicht als verlassen. Papiere, Bücher, Zeitschriften lagen überall in wohlbedachter Unordnung herum, auch Schlüssel, Werkzeuge, Materialien, als wolle sie jemand demnächst benutzen. Kurz: Mygdal hatte sein Fortgehen eindeutig vorbereitet, jedoch war nirgends ein Anhaltspunkt dafür zu finden, dass er beabsichtigt hatte, niemals wiederzukommen. Irgendwann war es dann nicht mehr zu leugnen: er war und blieb verschwunden. Der Kriminalbeamte, der mir bedeutet hatte, was ich fotografieren sollte, rief mich eines Tages an und fragte, ob ich Interesse an den Utensilien aus Mygdals Wohnung hätte, schließlich sei auch ich Fotograf usw. Sonst müsste er eine Firma mit der Räumung beauftragen. Vielleicht hätte ich ja sogar Lust, Mygdals Laden zu übernehmen, dann wäre im Namensschild nur der Nachname zu ändern, da ich ja auch Adam hieße. Damit war der Fall Mygdal als Kriminalfall für die Behörden und auch für mich abgeschlossen.

Du hast den Laden übernommen?

Nein, aber ich entschloss mich, die Räume zu mieten, nachdem ich eine seltsame Entdeckung gemacht hatte. Gemeinsam mit dem freundlichen Kriminalbeamten, der offenbar etwas für einen jungen Fotografen tun wollte, war ich in die noch versiegelte Wohnung gegangen und hatte dort eine „Entsorgungsverpflichtung“ unterschrieben. Dann war ich in Mygdals Räumen allein. Die Dinge lagen noch genau so unberührt da, lediglich etwas mehr Staub schien sich auf allem niedergelassen zu haben. Ohne etwas zu berühren, hatte ich mich umgesehen. Eine scheue Ehrfurcht hielt mich davor zurück, in dem fremden Eigentum herumzukramen. Außerdem hatte ich immer das Gefühl, Mygdal könne jeden Moment zurückkommen von einer Reise, die sich aus irgendwelchen Gründen um so viele Monate verzögert hatte. Ich stellte fest, dass ich von den Büchern, den Materialien und den Geräten vieles würde gebrauchen können. Da fiel mein Blick auf eine interessante Stelle. Ja, er fiel, stürzte regelrecht und schlug schließlich auf der Fläche eines länglichen Rechtecks im Format eines Briefbogens auf. Allerdings nicht auf ein Blatt Papier, sondern auf ein Stück Fläche aus Mygdals Schreibtisch, auf die ein solches Blatt hätte passen können. Es war die einzige offenliegende Fläche in diesen Räumen, die staubfrei war. Auf dieses Rechteck war meine Aufmerksamkeit gestürzt und hat sich von diesem Fall bis heute nicht mehr erholt.

Du hast aus dieser Spur, falls man von „Spur“ überhaupt reden kann, geschlossen, dass sich an jener Stelle ein Gegenstand befunden haben musste, der erst vor kurzem von diesem Ort verschwunden war und dessen Standfläche das Format eines Schreibblattes hat?

Ja. Allerdings: Verschwunden wie Mygdal müsste er nicht unbedingt sein, dieser Gegenstand. Er hätte z.B. auch hoch geflogen sein können und sich dann an einer anderen Stelle niedergelassen haben. Aber weder gab es etwas Passendes in der näheren Umgebung dieses Rechtecks noch war zu erklären, Kraft wessen ein auf diesem Platz ruhender Gegenstand seinen Standort hätte wechseln können.

Meinst du nicht, es könnte auch andere Gründe dafür geben, dass eine Holzfläche von dieser Größe über längere Zeit fast staubfrei bleibt, ohne abgedeckt gewesen zu sein?

Diese Frage stellte sich mir nicht. Vielmehr war ich sicher, dass dort etwas gelegen hatte und vor nicht allzu langer Zeit weggenommen worden war. Ich ging nach Hause, kramte die Disketten von den Aufnahmen am Tage der polizeilichen Begehung hervor und sah sie mir im Zoom an. Wie ich vermutet hatte, lag auf dem Schreibtisch ein Briefumschlag. Ich versuchte, aus der Vergrößerung herauszuholen, was nur herauszuholen war. Hier, sieh selbst. Dieses Bild trage ich seitdem immer bei mir. Was siehst du?

Man sieht die Fläche eines Tisches, auf der neben verschie-denen Papieren offenbar ein Foto liegt, dann wahrscheinlich ein Aktenstapel, ein Buch, Stifte usw. und ein bräunliches Rechteck im Briefformat.

Kannst du die Aufschrift entziffern?

Bei den geschwungenen bläulichen Linien könnte es sich durchaus um eine handgeschriebene Adresse handeln. Mit viel Phantasie ließe sich als erstes Wort ein „Für“ erkennen. Insgesamt sind vier Wörter zu erahnen. Dem „Für“ könnte ein dreiteiliger Name folgen, aber das ist natürlich Spekulation.

Bisher hat jeder, der das Foto betrachtet hat, bestätigt, dass es sich um eine Handschrift handelt und dass die ersten Zeichen wahrscheinlich das Wort „Für“ ergeben. Ich habe die Schrift mit der Mygdals verglichen. Hier ist eine Probe.

Tatsächlich, das ist zweifellos das von Mygdal geschriebene Wort „Für“.

Zweifellos dürfte ziemlich übertrieben sein. Weitaus weniger zweifelhaft schien mir nach diesem Foto jedoch, dass zwischen dem polizeilichen Fototermin und meinem zweiten Eintritt in die Wohnung jemand dort gewesen sein und etwas von Mygdals Schreibtisch genommen haben musste. Mein erster Gedanke war, dass es sich um einen Brief gehandelt haben könnte, vermutlich einen wichtigen Brief, vielleicht einen Abschiedsbrief.

Und das Verschwinden dieses Briefes hat dich derart aus der Bahn geworfen?

In die Bahn geworfen, nicht aus der Bahn. Aus einem ziemlich spontanen, ein wenig chaotischen Leben in die Bahn einer Wurfparabel, und zwar – wie gesagt – mit abwärts gerichteter Tendenz.

Hat die Polizei nicht nach einem Abschiedsbrief gesucht, nachdem sie die Wohnung geöffnet hatte?

Nein. Es wurde nichts berührt. Es genügte den Beamten festzustellen, dass sich niemand in der Wohnung befand und dass es keinerlei Zeichen von Gewalt gab, keine Hinweise auf einen Einbruch oder eine Gewalttat. Das Weitere sollte den Angehörigen überlassen bleiben. Da sich jedoch niemand meldete, kam es nicht zu weiteren Untersuchungen. Wenn jemand wie vom Erdboden verschluckt verschwindet, ist das offenbar vollkommen seine Sache und bleibt eine Privat-angelegenheit, so lange der Verschwundene von niemandem vermisst wird und keine Schulden hinterlässt. Seine Biographie ist gänzlich ausgelöscht. Offenbar war ich der Einzige auf der großen weiten Welt, der sich für Mygdal interessierte. Meine Neugier reanimierte eine klinisch tote Biographie. Ohne meine Neugier wäre das von Mygdal hinterlassene Inventar auf dem Müll gelandet, die Möbel bestenfalls beim Trödler. Statt dessen rief mich jener Polizeibeamte an. Da ich – wie gesagt – bestätigte, einiges von Mygdals Utensilien gebrauchen zu können, trafen wir uns vor der versiegelten Tür und mein Sturzflug begann.

Bereits mit der Entdeckung des verschwundenen Briefes?

Das hast du aufschlussreich formuliert, ich hätte etwas Verschwundenes entdeckt. In der Tat war es die Entdeckung des verschwundenen Briefes, die mein Interesse für den verschwundenen Menschen Mygdal weckte. Allerdings in einer paradoxen Weise. Das Verschwinden Mygdals war mir durch das Verschwinden des Briefes doppelt fragwürdig geworden. Ich war von der fixen Idee besessen, es sei Mygdal gewesen, der den Brief aus seiner Wohnung geholt hatte, um dann ein zweites Mal zu verschwinden – und deshalb eben nicht zu verschwinden.

Das klingt wirklich nach einer fixen Idee.

Ja, und es sollte nicht die einzige fixe Idee bleiben. Es folgten noch weitere Entdeckungen, die mich zu paradoxen Schlussfolgerungen nötigten, doch davon später. Ich nehme nur vorweg, dass ich ungefähr ein Jahr, nachdem ich das Verschwinden des Briefes festgestellt hatte, eines Nachts aufwachte mit dem Verdacht, dass dieser Brief an mich gerichtet gewesen war. Mir wurde mit einem Schlag klar, dass der Brief eine

Botschaft für mich enthält, und zwar eine wichtige Botschaft. Diese Vermutung nahm beunruhigende Formen an, nachdem ich mich näher mit den merkwürdigen Portraits beschäftigt hatte, die Mygdal angefertigt und hinterlassen hatte. Doch der Reihe nach. In jener Nacht, als ich erschrocken aufgewacht war mit der Ahnung, dass ich selbst der Adressat des verschwundenen Briefes sein müsste, machte ich mich sofort an die Arbeit, die fotografierte Aufschrift erneut zu entziffern. Mehrere Monate habe ich damit zugebracht, technische Tricks in Erfahrung zu bringen, mit denen das blaugraue Puzzle des Namenszuges hätte zusammengesetzt werden können. Leider ohne Erfolg. Jedenfalls kam ich zu keiner Gewissheit. Sicher war jetzt lediglich, dass es Mygdals Handschrift sein musste, das verriet das nun ganz gut rekonstruierte Wort „Für“. Dann waren drei weitere Wörter zu erkennen. Mit einigem guten Willen ließe sich der erste Buchstabe des zweiten Wortes als ein „A“ deuten. Sieh selbst, es ist das zweite Foto, das ich immer bei mir habe, ein mit allerlei Tricks herausgekitzeltes Kontrastbild des königsblauen Schriftzuges vor dem hellbraunen Untergrund. Was erkennst du?

Das zweite Wort beginnt in der Tat mit einem „A“, fast würde ich auf das Wort „Adam“ tippen. Beim vierten Wort glaube ich ein „M“ zu erkennen. Daraus ließe sich folgern, dass es sich um einen Brief an Adam Mygdal handelt und nicht um einen Brief von ihm.

Das klingt plausibel. Mygdal könnte wie ich einen Doppel-Vornamen haben. Ich habe in allen Papieren danach gesucht, ohne Ergebnis. Nirgends ist ein Doppelname aufgetaucht. Erneut habe ich mich mit diesem vertrackten Schriftzug beschäftigt. Aus Mygdals zahlreichen handgeschriebenen Beschriftungen und aus seinen Unterschriften musste ich schließen, dass es sich beim vierten Wort nicht um das Wort „Mygdal“ handeln kann. Das Wort enthält keine Buchstaben, die unter die Grundlinie führen. Außerdem scheint mir das Wort etwa zwei oder drei Buchstaben länger zu sein.

Du meinst, diese Hieroglyphen passen am besten auf den Namen „Adam Philipp Melander“?

Dass sie am besten passen, könnte ich nicht behaupten. Es ist jedoch nicht zu bestreiten, dass sie passen. Diese Erkenntnis beunruhigte mich vor allem deswegen heftig, weil sie, wie gesagt, mit einer weiteren Entdeckung einher ging. Sie betrifft Mygdals Portraitfotografien, fast einhundert Schwarzweißfotos in einem großen Format, jedes sehr sorgfältig in selbstgefertigten Hüllen aus Transparentpapier aufbewahrt, einsortiert in Kästen, die von 1 bis 5 numeriert sind. Die Negative befanden sich in Kästchen darüber. Alle Portraitierten schauen den Betrachter an. Es sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, in der Mehrzahl Erwachsene zwischen 40 und 50 Jahren, auch ältere Menschen. Bis auf 9 sind alle offenbar Europäer. Alle, ausnahmslos alle haben einen ungewöhnlichen Ausdruck. Ganz selten sind mir derart packende Aufnahmen begegnet. Die Durchsichtigkeit und Tiefe dieser Gesichter treibt mir ganze Schauer über den Rücken. Jedes Gesicht ergreift mich und lässt mich nicht los. Es ist, als ob die Fotografierten gerades etwas unerhört Schönes entdeckten. Wie du weißt, konnte ich die Bilder in unserer Stadt ausstellen. Die Ausstellung war nach wenigen Tagen überfüllt und musste viermal verlängert werden. Danach ging sie durch Europa und um die ganze Welt. Diese Aktionen haben mir ein kleines Vermögen eingebracht, von dem ich nun schon lange lebe.

Hast du während dieser Zeit noch fotografiert, ich meine, hast du noch weiter deinen Beruf ausgeübt?

Während eines Vierteljahres nach meiner ersten Entdeckung konnte ich alle noch laufenden Aufträge erledigen. Danach bin ich diesem Be-Ruf nicht mehr gefolgt, sondern einem anderen Ruf.

Ja, einer Einbildung, einer fixen Idee. Dich für den Adres-saten jenes verschwundenen Briefes zu halten, grenzt doch an Verfolgungswahn.

Verfolgt habe ich mich nie gefühlt. Wenn du mir schon eine Psychose einreden willst, dann bitte eher irgendeine hübsche Sorte Sendungswahnsinn.

Aber du sagst doch selbst, du hättest das Gefühl zu stürzen, du fühltest dich paralysiert, du seist nicht mehr Herr deiner selbst. Und du hast Angst.

Zu deiner letzten Feststellung eine Nachfrage: Hast du keine Angst? Hast du zum Beispiel keine Angst vor dem Tod?

Das weiß ich nicht so genau. Mich ängstigt viel mehr der Gedanke an den count-down als der an den Tod.

Seitdem ich mich auf die Suche nach Mygdal begab, habe ich mehr Angst davor zu sterben, bevor ich Mygdals Botschaft kenne, als vor dem Tode selber. In dieser Feststellung gibt es gewisse Ähnlichkeiten mit der Sorge, die du gerade beschrieben hast, jedoch auch entscheidende Unterschiede.

Was das Stürzen anbelangt: daran ist für mich nur die Einsamkeit problematisch. Bis jetzt gibt es niemanden, der bereit wäre, mich zu begleiten. Insofern bin ich seit einiger Zeit mehr Herr meiner selbst, als mir lieb ist. Aber ich verstehe deinen Unmut. Oft war auch mir der Fall Mygdal als Spinnerei vorgekommen, als ein Gespinst hauchdünner Notwendigkeiten namens Zufall. Für mein Gefühl weisen ein paar Hinweise zu viel in die andere Richtung: der Zufall, für die Polizei zu fotografieren, was ich früher nie getan hatte, der Zufall mit den Namen und Berufen, die Tatsache, dass ich heute von der Arbeit Mygdals lebe. Das alles soll das „blinde Ungefähr“ gefügt haben?

Du solltest die finanzielle Unabhängigkeit, die du dir durch dein Engagement erworben hast, fremde Fotos berühmt zu machen, genießen und die Suche nach dem geheimnisvollen Mygdal aufgeben. Ist denn diese ominöse Botschaft für dein Leben notwendig?

Notwendig ist ein gutes Wort. Ich könnte so eine Art Umkehrschub gebrauchen für meinen Sturzflug, und dafür fehlt mir eine entscheidende Erkenntnis. Ich vermute nämlich, dass alle, die Mygdal fotografiert hat, oder genauer: alle diejenigen, von denen er ein Portraitfoto hinterließ, vorher oder während des Fotografierens etwas Außer-gewöhnliches erlebt haben.

Willst du vielleicht behaupten, sie hätten alle den lieben Gott gesehen und deshalb so einen ergreifenden Ausdruck?

Du wirst ironisch. Hattest du nicht versprochen, sachlich zu bleiben? Ansonsten schalte den Recorder ab und unsere Vereinbarung ist aufgehoben. Ich habe dich nicht gebeten, meine Geschichte anzuhören.

Schon gut, Melander, erzähle weiter.

Was soll ich da weiter erzählen? Du hast doch die Ausstellung selbst gesehen. Woran erinnerst du dich?

An Gesichter, die zugleich ernst und heiter waren. Obwohl sie kaum lächelten, schienen sie glücklich zu sein. Unvergesslich ist mir das Portrait eines Mädchens. Nachdem ich es länger betrachtet hatte, kam mir der Gedanke: so könnte meine sechs-jährige Tochter in zehn Jahren einmal aussehen.

Diese Ähnlichkeit war mir auch aufgefallen. Meinst du dieses Foto? Auch diese Kopie trage ich immer bei mir.

Ja, dieses Bild meine ich. Ein wunderschönes Gesicht. Es wäre Magdalene zu wünschen, dass sie einmal so aussieht. Was hast du noch so für Bilder bei dir?

Keine weiteren. Nur diese drei. Aber zurück zu den Portraits. Erinnere dich, alle, unabhängig vom Alter und vom Geschlecht, sehen glücklich aus, zutiefst beglückt. Alle. Ein Zufall? Hatte Mygdal womöglich Tausende fotografiert, um dann hundert Glückliche herauszusuchen? Das kann ich nicht glauben. Er hat ganz gewöhnliche Menschen fotografiert, und er kannte einen Trick. Er hat ihnen irgend etwas gesagt oder gezeigt, und das hat sie in einen glücklichen Zustand versetzt, grob gesagt.

Findest du nicht, dass auch diese Vermutung wieder sehr nach Hexengebräu und fixer Idee klingt?

Wunderbar, wie du das sagst: „klingendes Hexengebräu“. Vielleicht haben sie wirklich eine Droge verabreicht bekommen. Oder er hat ihnen eine Musik vorgespielt, irgend welche Klänge. Ich weiss es nicht – aber ich wüsste es gern. Was haben diese Menschen erlebt, um so offen, wahr, frei und glücklich zu wirken, wenigstens für die Dauer einer Momentaufnahme?

Du vermutest, dieses Geheimrezept steht in dem verschwun-denen Brief?

Ja, das vermute ich.

Und warum diese Umwege? Warum müssen erst Menschen und Botschaften verschwinden, anstatt auf direktem Wege zu Dir zu gelangen?

Weil es offenbar auf diese Umwege ankommt.

Da fällt mir ein: Warum befragst du nicht einen von den vielen Portraitierten nach Mygdals Rezept?

Ich habe versprochen, dir in der Sache Mygdal jede Frage zu beantworten. Du hattest versprochen, mir niemals zu sagen „Melander, lass den Quatsch, du machst dich nur verrückt damit …“. Also höre zu und urteile sachlich und nüchtern. Ich habe intensiv nach diesen Menschen gesucht, weitere Ausstellungen in alle Welt geschickt, die Fotos im Internet veröffentlicht und darum gebeten, dass sich die Abgebildeten melden. Ohne Erfolg. Es kam lediglich zu einigen Irrtümern, die sich schnell aufklären ließen.

Willst du damit sagen, dass auch alle diese hundert Abgebildeten, jung oder alt, Mann oder Frau, verschwunden sind? Die Fotos sind doch nicht älter als zehn, höchstens fünfzehn Jahre. Die Leute können doch nicht alle gestorben und begraben sein.

Da bist du wohl auch mit deinem Latein am Ende?

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es für die ganze Geschichte eine logische Erklärung gibt.

Ich bin auch davon überzeugt, dass es für die Geschichte Erklärungen gibt. Aber ich bezweifle, dass es sich dabei ausschließlich um logische Erklärungen handeln wird.

Also Melander, dann frage ich dich: Können wir aus der Tatsache, dass wir über Fotos von Menschen verfügen, schließen, dass es diese Menschen wirklich gegeben hat?

Du sprichst von „Wir“. Ich bin überrascht. Aus diesen Fotos sollten wir das schließen können. Es handelt sich um Ana-logaufnahmen, weder die Negative noch die Positive sind irgendwie behandelt worden. Neuerdings gibt es ja Foto-techniken und Bildbearbeitungstricks, die diesen eindeutigen Schluss nicht mehr zuließen. Bei Mygdals Filmmaterial und seinem rein optischen Vergrößerungsverfahren können wir jedoch sicher sein, dass die Bilder nicht manipuliert sind, und dass die Originale, in diesem Falle die abgebildeten Menschen, wirklich existieren. Genauer müssen wir ein-schränkend sagen: Um von einem Objekt ein Foto anzu-fertigen, reicht es im allgemeinen aus, dass dieses Objekt für die Dauer der Belichtungszeit sichtbar ist, d.h. für weniger als eine Sekunde. Die fotografierten Menschen müssen also mindestens für einen Bruchteil einer Sekunde sichtbar gewesen sein. Daß sie über diese kurze optische Präsenz hinaus existiert haben, können wir nicht logisch erschließen.

Können wir sicher sein, dass es sich nicht um Fotos von Fotos handelt?

Eine gute Frage. Mit endgültiger Sicherheit können wir das nicht sagen, trotz der Schatten und anderer Zeichen für ein dreidimensionales Original. Aber selbst, wenn Mygdal die fragwürdige Leidenschaft gepflegt hätte, Kataloge aus der ganzen Welt nach so hinreißenden Gesichtern zu durch-stöbern und diese Fotos zu reproduzieren – die abgebildeten Menschen hätten jedenfalls existieren müssen. Und die meisten von ihnen müssten auch heute noch existieren. Diese Schlussfolgerung ist natürlich rein logisch nicht herleitbar. Wir urteilen auch in diesem Falle aus unserer Erfahrung heraus. Übrigens sind die Portraitaufnahmen einzeln von Mygdal signiert. Ich bleibe bei meiner These, dass Mygdal ein genialer Fotograf war und hoffentlich noch ist. Ich ahne, er hat in seiner Zeit als Fotograf nur diese 97 Portraitfotos angefertigt. Das bedeutet vier bis fünf im Jahr.

Davon kann man als Fotograf natürlich nicht leben. Wovon lebte Mygdal?

Jedenfalls nicht von Portraitfotografie, die hat er wahrscheinlich als Hobby betrieben. Ich glaube, die Porträtierten haben ihr Foto gar nicht bestellt und auch nicht bekommen, folglich auch nicht bezahlt. Er lebte offenbar von Landschaftsfotografie. Wie es aussieht, war er bei drei oder vier berühmten Verlagen sehr gefragt, die großformatige Kalender herstellen. Einige dieser Kalender habe ich in seinem Magazin gefunden. Auch diese Fotos sind ungewöhnlich schön. Er muss mit einer sehr einfachen Ausrüstung gearbeitet haben. Die Motive sind nicht spektakulär. Der Umgang mit dem Licht ist genial. Man könnte diese Landschaften als hellwach und vollkommen ruhig bezeichnen. Als hätte er an den Landschaftsaufnahmen geübt, was er später mit seinen Portraitaufnahmen zur Meisterschaft gesteigert hat. Es sind Landschaften aus der ganzen Welt.

Wenn Mygdal um die ganze Welt reist, ist er jetzt vielleicht gerade sonstwo unterwegs und fotografiert Landschaften. Vielleicht auch Menschen. Möglicherweise ist er mit seinem 98. Portrait nicht zufrieden und kann sich nicht losreißen, bevor es gelungen ist. Vielleicht war das 98. Opfer aber auch ein aggressiver Typ und hat Mygdal das Lebenslicht ausgeblasen. Vielleicht ist er auch von irgendeinem Ozeandampfer herunter ins Wasser gefallen. – Nein, mir kommt eine Idee:

Jemand hat Mygdal ermordet, ist in seine Wohnung einge-drungen und hat den Briefumschlag gestohlen, in dem sich nicht irgendeine frohe Botschaft befand, wie du glaubst, sondern Mygdals Vermögen. Mister X hat es an sich genommen und ist verschwunden.

So, so. Und dann hat er sich die 97 Gesichter angeguckt, sie sich fest eingeprägt, ist in der ganzen Welt umhergereist um diese Leute ebenfalls umzubringen und die Leichen in Luft aufzulösen. Nein. Mygdal verfügte über kein Vermögen. Seine Kontoauszüge zeugen von einem sehr bescheidenen Leben. Aber der Vermutung, jemand hätte sich des Wohnungsschlüssels bemächtigt und nichts weiter aus der Wohnung geholt als diesen Brief, war ich natürlich auch nachgegangen. Es war ja nichts durchwühlt oder hatte sonst den Eindruck gemacht, bewegt worden zu sein. Bis auf diese eine Stelle war nichts an der Wohnung verdächtig. Wer hätte an diesem Brief Interesse haben können, fragte ich mich. Und eine weitere Frage kam in diesem Zusammenhang auf: Was könnte die 97 Porträtierten davon zurückhalten, sich nicht auf meine Suchanzeigen zu melden? Dann wären diese Menschen immerhin nicht irgend welche geheimnisvollen Verschwundenen. Sie hätten lediglich triftige Gründe, sich nicht zu melden. Dass sie sich auf den Fotos, die um die ganze Welt gingen, nicht erkannt hätten, ist ausgeschlossen. Und dass sie das Porto sparen wollten, mich zu benach-richtigen, auch, denn ich hatte einen nicht gerade kleinlichen Preis versprochen. Welche Gründe könnte es dafür geben, sich nicht zu melden?

Keine Ahnung, Melander. Eine allgemeine Verweigerung wäre mir jedenfalls auch wesentlich sympathischer als das ominöse Verschwinden der 97 Glücklichen. Was könnte diesen Menschen mehr wert sein als dein Preisausschreiben? Oder haben sie Angst? Ist ihnen etwas peinlich?

Weshalb sollte es ihnen unangenehm sein, an einen Moment erinnert zu werden, in dem sie offenbar in einer wunderbaren Weise vollkommen waren? Diese Frage führte mich wieder auf eine frühere: Was haben die Menschen im Augenblick des Fotografierens erlebt? Darauf hattest du ja bereits spöttelnd vorgeschlagen, sie hätten den lieben Gott gesehen. Aber mindestens in diesem Punkt sind wir uns doch einig: Gott gesehen haben sie nicht. Falls es wirklich ein universelles Prinzip gibt, das wir Gott nennen dürfen, hätte es gewiß auch eine menschliche Seite, sonst wäre es ja nicht universell.

Und wir wären bestimmt imstande, mit dieser Seite zu kommunizieren. Nur wie, ist die Frage. Ich bezweifle, dass unsere Augen dazu in der Lage sind. Das Lauschen schiene mir da geeigneter zu sein. Allerdings blieben wir auch dann lediglich Empfänger. Inwiefern unsere Kommunikation auch „auf Sendung“ gehen könnte, bliebe offen.

War Mygdal ein gläubiger Mensch?

Woran erkennt man einen gläubigen Menschen? Manches deutet darauf hin, dass Mygdal eher ein Zweifelnder war. Vielleicht kann man diese Frage nur post mortum entschei-den, etwa so, dass jeder, der nicht an Verzweiflung gestorben ist, ein gläubiger Mensch war. Unter den in diesem Sinne gläubigen Menschen gab es einen, der so geniale Portraits zur Welt gebracht hat.

Gibt es Hinweise auf seine Konfession?

Evangelisch. Er hat auch Kirchensteuer bezahlt. In den Gemeinden seiner Wohngegend ist er jedoch nicht bekannt, falls deine Frage darauf abzielt.

Es ist nicht leicht, die Person Mygdal zu rekonstruieren, obwohl alles hier in seinen Räumen von ihm spricht. Ich habe so gut wie nichts an dieser Wohnung verändert. In Mygdals Arbeitszimmer habe ich einen Kleiderschrank gestellt und mein Bett, in die anderen Räume weitere Tische, um Fotos, Papiere, Zeichnungen usw. auszulegen.

Zeichnungen?

Ja, Mygdal konnte wunderbar zeichnen. In seinem Zeichen-schrank befinden sich fast fünfzig großformatige Zeich-nungen.

Sind seine Portraits etwa fotorealistische Zeichnungen und gar keine Fotos?

Nein, es sind eindeutig Fotos. Das nicht manipulierte Filmmaterial der Negative und die Vergrößerungen zeugen eindeutig davon. Mygdals Unikate hingegen sind eher technische Zeichnungen, jedoch sehr kunstvoll. Auf den ersten Blick könnte man sie für fotografierte Fossilien oder andere Formen aus der Natur halten.

Vielleicht verbirgt sich hinter Mygdal ein zweiter Leonardo da Vinci, und er hat eine Maschine erfunden, mit der man so wundervolle Portraitfotos hinbekommt?

Wenn du wüsstest, wie mich dieser Gedanke beschäftigt hat, den du da so locker aussprichst. Zunächst aber frage ich dich: Wenn Mygdal wirklich eine solche Maschine gehabt hätte, warum hat er dann nicht mehr als vier oder fünf Fotos im Jahr hergestellt?

Keine Ahnung. Aber dafür sind Erklärungen immerhin denkbar. Vielleicht hat ihn seine Bescheidenheit von der Produktion größerer Stückzahlen abgehalten. Oder er hat nicht genügend Opfer gefunden, die bereit gewesen wären, in eine geheimnisvolle Maschine zu klettern, um sich portraitieren zu lassen.

Du hast recht, selbst wenn wir nicht die Furcht vor dem Fotoexperiment annehmen, so daß es an „Opfern“ gemangelt hätte, Bescheidenheit wäre immerhin eine Erklärung, die wir gelten lassen müssten. Bleibt die Frage, wo ist diese Maschine? Wo sind Konstruktionsunterlagen, wo ein Hinweis auf den Standort?

Da du aber Leonardo da Vinci ins Feld führtest, Mygdal war wirklich ein Erfinder. Er hat nämlich einen Fotoapparat besonderer Art erdacht. Davon habe ich aus seinen Zeichnungen erfahren. Er hat eine Konstruktion ersonnen, die es gestattet, sehr schnelle Bewegungen zu fotografieren. Offenbar vereinigte er die beiden damals für diese fotografische He-rausforderung gängigen Systeme, entweder den Film blitzschnell am Objektiv vorbeizuschießen oder eine Spiegeloptik rasend schnell zu drehen, zu einer einheitlichen effektiven Konstruktion. Das technische Problem bei dieser Kombination war, die Systeme zu synchronisieren. Mygdal hat es gelöst, eine patentreife Idee. Offenbar hatte er sogar eine Patentanmeldung erwogen. Er muss davon jedoch wieder Abstand genommen haben. Unter einer der Zeichnungen steht in seiner schönen Handschrift der Vermerk „Zu wenig Spielraum“. Komm, ich zeige dir das Blatt.

(Lücke in der Aufnahme, da außerhalb der Reichweite des Recordermikrofons)

Hast du das Blatt einmal einem Fachmann gezeigt?

Wer wäre da ein Fachmann? Ingenieuren verschiedener Fachrichtungen habe ich Kopien gezeigt. Sie konnten damit nichts anfangen. Das sei ja Kunst und hat nichts mit einer brauchbaren Konstruktionszeichnung zu tun. Einige Monate habe ich mich mit diesen Kunstwerken beschäftigt.

Eines seiner „Spätwerke“ trug in der linken oberen Ecke einen Vermerk, in dem ein zweites Mal das Wort „Spielraum“ auftauchte. Bei dieser Zeichnung handelt es sich auch um die Konstruktionsskizze eines Fotoapparates, der sehr schnelle Bewegungen ablichten kann. Das Funktionsprinzip durch-schaue ich nicht. Auffällig ist, dass die Apparatur mit einer ruhenden Optik auskommt. Ein unbewegliches spektros-kopisches System sorgt dafür, blitzschnell bewegte Materie zu „verfolgen“ und auf einem großformatigen Filmmaterial abzubilden.

War Mygdal damit nicht seiner Zeit voraus?

Wenn dieser Apparat gebaut worden wäre und funktioniert hätte, dann gewiss auch in ingenieurtechnischer Hinsicht. Dass Mygdal generell seiner Zeit voraus war, beweisen wohl aber am besten seine Portraits. Aber die „Fachleute“ konnten auch mit diesem Blatt nichts anfangen.

Was könnte das bedeuten, Mygdals Anmerkung dort oben, die dir aufgefallen war: „Ich nenne Spielraum den Grad an Gegenwart von k hoch minus eins“?

Darauf bin ich nach Monaten einmal ganz zufällig gekom-men. Ich hatte begonnen, mich systematisch mit Mygdals Bibliothek zu beschäftigen. Besonders viele Bücher sind es ja nicht, könntest du meinen, wenn du dir die Regale anschaust. Wenn du jedoch jedes Buch Seite für Seite durchblätterst, zunächst nur die angestrichenen Stellen liest und dir Vermerke machst, dann ganze Abschnitte und zuletzt ganze Bücher, dann merkst du schon, dass du es mit ziemlich vielen, ja zu vielen Büchern zu tun hast. Ich habe heraus-bekommen, dass Mygdal sich viel mit moderner Physik beschäftigt haben muss und sich wohl auch in der höheren Mathematik recht gut auskannte. Seine Definition des Begriffes „Spielraum“, die eine Bewegungspotenz mit einem Zeitfaktor und der Boltzmannschen Konstanten verbindet, lässt jedenfalls auf ein tieferes Verständnis schließen. In seinen Fachbüchern habe ich keinen weiteren Hinweis zu dieser Überlegung finden können, wohl aber in einem Text von Exupery. Mygdal besaß interessanterweise alle Texte dieses wunderbaren Schriftstellers. In einem der Bücher steht doch tatsächlich dick angestrichen: „Ich nenne Masse den Grad an Gegenwart von h hoch minus eins:“ Exupery bezieht sich damit offenbar auf eine Gleichung aus der Wellenmechanik von de Broglie. Mygdals Satz klingt wie eine Transpososition der Massedefinition Exuperys mit Hilfe des Planckschen Wirkungsquantums auf eine niedrigere physikalische Ebene.

Gehört Antoin de Saint Exupery nicht auch zu den auf mysteriöse Weise Verschwundenen?

Ja und nein. Er ist von einem Aufklärungsflug nicht zurückgekehrt. Alles spricht dafür, dass er von deutscher Abwehr abgeschossen wurde, ins Meer gestürzt und seitdem verschollen ist. Das hat immerhin Logik, wenn auch die absurde Logik des Krieges.

Ich frage mich, ob Exupery auch so einsam war bei seinem Aufklärungsflug wie du bei deinem Sturzflug „im Auftrag Mygdal“? Aber lassen wir diese Frage beiseite. Was mich interessieren würde: Lebte Mygdal wirklich ganz ohne Anhang? War er nicht so um die vierzig Jahre alt, da geht man doch nicht gern allein ins Bett?

Verlässliche Zeugnisse gibt es nur von einer einzigen Liebe: einige Briefe an Mygdal, jedenfalls höchstwahrscheinlich an ihn, denn es gibt keine Adresse, keinen Absender und keine eindeutige Anrede.

Keine eindeutige Anrede?

Nein. Die Briefe sind auch nicht datiert. Ich habe versucht, sie chronologisch zu ordnen. Höre zu, ich lese dir den Brief vor, den ich für den ersten halte:

Geliebtes Blau,

 

auch das ist schön: Deine Gedanken zu hören zu den beruflichen Fragen, die mich gegenwärtig bewegen, zumal mein neues Suchen mit spirituellen Erfahrungen und meiner Begegnung mit Dir zu tun hat – genau so wie meine Orientierungsprobleme, die sich daraus zunächst ergeben.

Und dennoch, über diese beruflichen Fragen zu sprechen, dazu wäre mir die Zeit so seltener Treffen mit Dir zu schade. Das näher zu erklären, fällt mir schwer. Vielleicht steht das, was ich nicht auszudrücken vermag, zwischen den Zeilen eines Gedichts von Guillevic oder wäre zu vernehmen in den Pausen eines Musikstücks von Arvo Pärt.

Mit welchen Worten sollte ich von meiner Ergriffenheit reden, die über mich kam, als ich Dich das erste Mal sah? Mit Verliebtheit wäre dieser Zustand vielleicht ganz gut beschrieben, wenn dieser Begriff nicht für die Bezeichnung einer Lage reserviert bleiben müsste, die im Vergleich zu meiner eher trivial zu nennen wäre. Falls überhaupt von „Liebe“ die Rede sein dürfte, dann in einem sehr umfassenden Sinne. Andererseits trifft das Wort „Verliebtheit“ ganz gut mein Gefühl …

Ist gut, du kannst aufhören, Intimitäten interessieren mich nicht. Wie geht der Brief zu Ende?

Na schön, dann hier noch die letzten Zeilen:

Vielleicht treffen wir uns mal in der Adventszeit. Vielleicht schreibst Du mir mal. Vielleicht hast Du aber auch gar keine Zeit und schweigst mir etwas Schönes.

Jedenfalls: gern mit Dir verbunden bliebe Dein gerade erblühtes Gelb.

Wie poetisch!

Sonst bist du doch sehr für Poesie zu haben. Ich dachte immer, da kennst du dich auch ziemlich aus?

Von einem „Guillevic“ habe ich jedenfalls noch nichts gelesen. Ist das auch so eine geheimnisvolle Gestalt?

Keine Ahnung. Ich habe eine Gedichtstrophe von ihm in einem Buch aus Mygdals Bibliothek gefunden, einem Buch mit dem Titel „Die Physik der Träume“. Jedoch nicht im Text dieses Buches, sondern auf einem Lesezeichen, das in diesem Buch lag, einem gepressten Ahornblatt. Es ist nicht Mygdals Handschrift, obgleich im Charakter sehr ähnlich. Ich vermute, Mygdals „Gelb“ hat darauf geschrieben:

„Es war nicht

ein Vogelflügel,

es war ein Blatt, das im Wind schlug.

Nur- es war da kein Wind.

(Guillevic für Aragon)“

Was liest du aus diesen Gedichtzeilen, Melander?

Zwei Themen vernehme ich, ein Ursache-Wirkung-Thema und das Thema „loslassen“. Wie unendlich zart haben wir uns die Gebärde eines Baumes vorzustellen, der ein Blatt loslässt in Abwesenheit eines helfenden Windes?

Können wir in Bezug auf derartig „zarte Ursachen“ überhaupt von Ursachen sprechen? Anders gefragt: Hat jede Wirkung eine Ursache?

Mygdal hat irgendwo formuliert: Jede Ursache hat eine Wirkung.

Ist das nicht trivial?

Keineswegs.

Befand sich diese „Feststellung“ auch auf einer seiner Zeichnungen?

Nein, auf der Rückseite eines Fotos, genauer: eines gedruckten Fotos. Es ist der erstklassige Druck eines berühmten Fotos aus den Anfängen der Fotografie. Das Bild ist ein Werbeexemplar der Druckerei ENIGMA aus den USA und hängt eingerahmt über Mygdals Bett.

Dieser Halbnackte, der da im Sitzen vor sich hin schlummert, ist demnach nicht Mygdal?

Nein, es ist der Erfinder der Fotografie höchst persönlich. Das Bild trägt den befremdlichen Titel „Selbstportrait als Ertrunkener“.

Erzähle mir noch etwas von Mygdals Liebschaft.

Hatte ich Liebschaft gesagt?

Ja, hattest du.

So wiederholt, klingt das ganz falsch. Jedenfalls war dieser erste Brief leider nicht der Beginn einer „Liebschaft“ und auch nicht der Anfang eines gemeinsamen Weges. Es ist durchaus möglich, dass die Beziehung nur einseitig blieb. Wie lange sie währte, lässt sich nicht rekonstruieren. Im letzten Brief heißt es:

Mit Sorgfalt

(hoffen wir)

sind unsere Lebenslinien

gezeichnet,

die Kreuzung gelegt

in die Landschaft der Liebe.

 

Mit Abstand betrachtet,

vom Syrius aus

(vielleicht)

könnten wir‘s wissen.

 

– – –

 

Meinblau, ich muss Dich lassen. Immer bleibt Dir Deingelb.

Das klingt ja traurig. Vielleicht hatte sich das liebende Gelb aber gar nicht gänzlich verabschiedet, sondern nur als Gelb? Übrigens: Wie steht es bei dir mit der Liebe, Melander? Es ist spät geworden, und ich habe keine Lust auf eine nächt-liche Taxifahrt.

Auf einer der drei schönsten Zeichnungen von Mygdal steht in Anführungszeichen notiert: „Der Richtkiel der Schöpfung ist die Liebe“.

Ich meinte gerade eine anspruchslosere Variante dieser groß-artigen Liebe.

Es gibt keine weniger anspruchslose Variante der Liebe.

Kannst du denn nur mit Mygdals Worten reden?

Nein, natürlich nicht. Ich hätte da durchaus eigene Ideen. Schalte den Recorder aus, dann werde ich dir einige davon verraten.

(- – – )

Wir haben uns einige Tage nicht gesehen, Melander. Schön, dich gesund und munter anzutreffen. Es freut mich, dass du bereit bist, unseren Dialog fortzusetzen.

Gesund siehst du auch aus, wie ein reifer Apfel. Munter allerdings weniger. Bist du traurig?

Es ist kalt draußen, Melander. Der Herbst färbt nicht nur die Blätter und die letzten, hartnäckig den Baum festhaltenden Äpfel, auch die Wangen. Außerdem bin ich aufgeregt. Immerhin hatte ich mich zu einem ausführlichen Geständnis durchgerungen in unserer ersten gemeinsamen Nacht. Ich hatte gehofft, du würdest mich einmal anrufen.

Aufgeregt aber traurig?

Eines Tages werde ich dich loslassen müssen, Melander. Ich werde einsamer sein als je zuvor. Du bist mir so vertraut. Warum sollen wir nicht Gefährten sein?

Wir sind Gefährten. Auf die Länge des gemeinsamen Weges kommt es nicht an. Aber wenn wir weiter über so intime Dinge reden wollen, dann schalte bitte den Recorder aus. Wozu brauchst du dieses Ding überhaupt?

Ich bin verliebt in den Klang deiner Stimme.

Aber die hast du doch im Original.

Noch – ja! Vielleicht muss ich dich eines Tages genau so rekonstruieren, wie du Mygdal zu rekonstruieren versuchst. Aber beenden wir diese tragikomische Szene. Ich habe von dir geträumt, Melander. Das erste Mal habe ich im Traum dein Gesicht gesehen.

Kein Wunder, wenn du mir in unserer ersten Nacht eine geschlagene Stunde lang schweigend in die Augen siehst.

Ich habe dich im Traum beinahe so gesehen, wie Mygdals Objektiv dich vielleicht in deinem besten Augenblick erwischt hätte. Deshalb die ernsthafte Frage an dich als Fachmann: Kann man Träume fotografieren?

Dass du mich in einem so schönen Augenblick mit dem Blick deiner geschlossenen Augen gesehen hast, das überrieselt mich ganz warm. Aber zu deiner Frage:

Nein, noch sind Träume nicht fotografisch abzubilden, aber die Technik ist auf dem Wege dahin. Magdalene wird diesen Tag vielleicht noch erleben, bestimmt aber die Generation nach ihr. Dann wird es möglich sein, den gesamten Inhalt des Gehirns in Echtzeit zu scannen. Eingebildetes kann dann auch abgebildet werden. Die vielen Paradoxien, die uns der Fall Mygdal beschert, kann es in dieser Welt nicht mehr geben. Es wird nicht mehr entscheidbar sein, wo die eine „Person“ anfängt und die andere aufhört.

Melander, es ist Herbst, die Tage werden kürzer. Wir sollten unsere Zeit nicht versäumen. Noch leben wir in einer Welt, in der du du bist und ich ich.

Zu deinem letzten tröstenden Satz fällt mir eine Notiz von Mygdal ein. Sie befindet sich ebenfalls auf der Rückseite einer seiner Zeichnungen. Diese Zeichnung möchte ich dir schenken. Ich habe sie bereits obenauf für dich bereitgelegt. Wie findest du dieses Blatt?

Es ist wunderbar. Ein zartes Gespinst aus hellem Blau und dunklem Gelb. Die Sparsamkeit und dieser Rhythmus der Formen – ein wirkliches Kunstwerk! Die Idee, einige Flächen mit Sepia abzudunkeln und andere weiß zu überhöhen, ist ja keineswegs neu. Aber in diesem Falle ist diese Technik faszinierend stimmig.

Wie würdest du das Blatt nennen, wenn du einen Titel finden wolltest?

Wahrscheinlich „Mygdal und Melander“. Aber da unten steht doch ein Titel.

Ja, Mygdal hat das Blatt GESCHWISTER genannt.

Hat er damit sich selbst und sein rätselhaftes Gelb gemeint?

Das nehme ich an. Lies die Bemerkung auf der Rückseite.

„Du bist ich und ich bin du. Wir sind alle ein und derselbe Mensch. Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt. Wir sind lediglich zu unterschiedlichen Zeiten geboren. Uns trennt nur die Zeit voneinander, und dass ihr das gelingt, darin besteht unsere“

Hier bricht der Text ab.

Das ist mir entschieden zu hoch, Melander …

Mir auch, natürlich. Jedenfalls glaube ich, die Bildunter-schrift und die Notiz zusammen weisen mir unter anderem die Befugnis zu, dir das Blatt zu schenken.

Ich möchte es nicht, Melander, danke. Nimm es mir nicht übel. Mag sein, ich bin eifersüchtig auf diesen Mygdal. Mir ist kalt geworden. Ich muss gehen.

Bleib noch. Schalte den Recorder aus. Ich werde dich wärmen.

(einige Tage – oder Wochen? – später)

Das ist das erste Mal, dass du mich bittest, zu dir zu kommen, was ist los?

Zuerst möchte ich dir einiges sagen, das nicht für den Recorder bestimmt ist. Schalte das Ding bitte noch einmal aus.

(- – -)

Hast du etwa doch alles aufgenommen?

Nein, keine Sorge. Alles geschieht so, wie vereinbart, ich habe eben erst eingeschaltet. Aber ich möchte unserer alten Vereinbarung neu hinzufügen, dass wir ab heute niemals über Mygdal reden, wenn der Recorder ausgeschaltet ist, einver-standen?

Einverstanden.

Melander, was ist los mit dir heute, du bist so verdächtig locker und ungewöhnlich großzügig?

Inwiefern großzügig?

Plötzlich hast du Zeit für mich.

Das ist Zeit für uns. Ich gebe nicht mehr, als ich für mich selbst beanspruche. Großzügigkeit stelle ich mir noch anders vor. Aber ich fühle mich seit langem wieder einmal wirklich entspannt.

Hast du etwa einen Bremsfallschirm gefunden gegen deinen Sturzflug?

„Bremsfallschirm“ gefällt mir wirklich gut. Allerdings kann ich mir die Ursachen dieser Bremswirkung oder gar eines Umkehrschubes nicht erklären. Der Bremsfallschirm muss mir also aus heiterem Himmel zugefallen sein. Vielleicht ist die Wirkung sogar auf einen relativ banalen Effekt zurückzuführen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich schon seit Jahr und Tag keine Musik mehr gehört habe, kannst du dir das vorstellen. Ich meine natürlich nicht diese Dudelmusik, mit der man allerorten terrorisiert wird. Ich habe meine alten Venylplatten rausgekramt und meine Sammlung aus dem Vorbarock von vorn bis hinten angehört und sonst überhaupt nichts getan. Seitdem fühle ich mich wie neu geboren, wie man so schön sagt.

Darauf hättest du früher kommen sollen.

Dieses Musikerlebnis hat mich an Mygdals Notensammlung erinnert. Ich habe sie noch einmal zur Hand genommen und entsann mich einer Notiz, die mich sehr beeindruckt hatte: „Ich wünschte, ich könnte das Licht hören“. Das ist ein beachtlicher Wunsch für einen Fotografen, fand ich. Ich hielt diese Notiz in meiner Kartei fest, vergaß jedoch zu notieren, wo ich sie gefunden hatte. Dass sie auf einem Lesezeichen stand, erinnerte ich. Aber in welchem der Bücher es sich befindet, hatte ich vergessen. Ich stellte mich vor das Bücherregal, schloss die Augen und ließ mich vom „blinden Ungefähr“ führen. Meine Hand stieß auf ein Lexikon der Mythologie, und neben diesem Lexikon stand das gesuchte Buch: die „Odyssee“. Das Lesezeichen befand sich bei der Textstelle, die vom Trick des Odysseus erzählt, mit dem er angeblich den verlockenden Tönen der Sirenen entkommen war. Mygdal hat an den Rand geschrieben. „Die Klänge der Sirenen finden“.

Stopp mal, Melander, an diesem Punkt waren wir doch schon einmal. Ich fürchte, wir drehen uns im Kreis. Du glaubst doch nicht etwa, Mygdal hat die Leute mit psychedelischen Klängen in einen Zustand der Glückseligkeit versetzt?

Nein. Es spricht lediglich einiges dafür, dass eine Akustik im Spiel war. Die Porträtierten machen alle einen lauschenden Eindruck, nicht den eines gierigen Hörens und auch nicht den Eindruck einer Trance. Falls hier von Klängen die Rede sein kann, dann von solchen, die in den Lauschenden selbst erzeugt werden, durch eine Art Übertragung, durch Resonanz im weiteren Sinne. Das würde bedeuten, dass jeder andere Klänge wahrgenommen hat, vielleicht „seine“ Klänge. Odysseus hatte, so meine These, weder einen wollüstig-verführerischen Singsang vernommen, noch sonst irgend einen Gesang. Die Sirenen widerstanden seiner List und schwiegen. In Fesseln verdarb Odysseus die Chance, die allein ihm zugedachte Musik zu hören, die ihn in sein wahres Zuhause geführt hätte. Der Begriff „Musik“ ist dabei natürlich in einer sehr weiten Bedeutung zu verstehen. Jeder ist auf der Suche nach der für ihn bestimmten „Musik“, in der nur er allein in Vollkom-menheit zu schwingen vermag. Sollten wir unseren Klang eines Tages gefunden haben, sind wir angekommen. Statt dessen ist Odysseus in eine Welt der Zerstörung zurückgekehrt.

Melander, Geliebter, wohin treibst du?

Scheine ich im Moment nicht eher zu schweben?

Dann lass uns gemeinsam schweben heute Abend.

Genau das habe ich vor. Ich habe im „Omega“ einen Tisch für uns beide reserviert.

Ist das nicht die Kneipe, in der wir uns das erste Mal begegnet sind?

Ja. Heute Abend ist eine interessante Band engagiert, sie wird dir bekannt vorkommen. Wir könnten tanzen, wenn du dich traust.

Hier enden die Tonaufnahmen der Gespräche mit meinem Freund Melander. Nach dieser Nacht habe ich ihn nie wieder gesehen. Immer hatte ich befürchtet, er könnte eines Tages durchdrehen und in einer Nervenklinik enden. Nun ist er spurlos verschwunden.

Melander schien mir so gelöst und heiter an unserem letzten Abend, und ich fühlte mich regelrecht er-löst. Zugleich wurde ich gewahr, wie sehr mich seine Verirrungen belastet hatten. Ich fuhr einen Tag darauf für drei Wochen aufs Land, um mich von Melander und einer leichten Grippe zu erholen, die im Anflug schien. Es waren wunderschöne spätherbstliche Tage, ungewöhnlich mild und sonnendurchflutet. Lange schon hatte ich mich nicht so leicht und frei gefühlt. Seit langem war ich auch einmal ohne meine Tochter verreist. Mein erhebendes Gefühl hielt während des gesamten Landaufent-halts an. Als ich nach Hause kam, empfing mich ein strahlendes Kind. Meine Abwesenheit hatte Magdalene offensichtlich sehr gut getan. Diese Erfahrung machen wohl alle Alleinerziehenden einmal.

Mit diesem Hochgefühl suchte ich eines Abends Melander auf. Meinem bescheidenen Weinvorrat “für besondere Gelegenheiten“ entnahm ich die beste Flasche. Mir war ein wenig feierlich zumute. Eine ganz neue Etappe unserer Liebe könnte beginnen, glaubte ich, vielleicht die erste Etappe eines gemeinsamen Weges. Mit einem unendlich zarten Gefühl schwebte ich durch die Straßen, überflog den von Autos wimmelnden Platz und stand schließlich vor Melanders Laden (oder genauer: Mygdals Laden. Zwar hatte Melander das kleine Messingschild über der Ladentür mit der Aufschrift „Adam Mygdal“ ergänzt durch „Inh.: Adam Philipp Melander“, doch blieb die Ladentür von Anfang an verschlossen). Mit meiner Weinflasche in der Hand betrachtete ich mich in der Schaufensterscheibe. So hätte mich Mygdal auch fotografieren können, dachte ich. Oder nein, doch nicht, wahrscheinlich lächelte ich zu sehr. Dann sah ich mitten in meinem Gesicht das Schild „Wegen Urlaub geschlossen“. Melander hatte doch Mygdals letztes Lebenszeichen aus dem Schaufenster genommen und sinniger weise an seine Schlafzimmertür gehängt! Jetzt stand es wieder dort, wo Mygdal es einst hingestellt hatte und jagte mir einen Schrecken ein. Ich läutete – keine Antwort. Ich wählte vom Handy Melanders Rufnummern – ohne Erfolg. Keine Nachricht auf den Beantwortern, kein Zeichen an der Tür. Wie ferngesteuert ging ich in den Nebenaufgang und suchte die „dritte Tür“, wie Melander sie nannte. Diese Tür hatte Melander erst später entdeckt.

Sie befand sich hinter einem schwarzen Stoff, mit dem Mygdal seine Dunkelkammer abgehängt hatte. Der Raum war früher wahrscheinlich die Kammer des Dienstmädchens, der man den Haupteingang zu verweigern pflegte. Noch war ich nicht sicher, ob ich vor der richtigen Tür stand, ich konnte es nur von der räumlichen Lage her schlussfolgern. Ich klinkte, die Tür war nicht verschlossen. Aus irgendeinem Grunde ging ich direkt auf Mygdals Schreibtisch zu. Hatte mein Herz je so geklopft?

Dort lag am verdächtigsten Ort der Wohnung ein Briefumschlag bekannter Größe. Alles in mir lief nun in Zeitlupe ab, alles Äussere hingegen blitzartig. War das etwa DER Brief? Zeichen für Zeichen buchstabierte ich die Aufschrift. Das erste Wort „Für“ war zweifellos Melanders Handschrift. Dann folgte mein Name, dreiteilig, wie der Melanders, meine beiden Vornamen und mein Nachname. Wie im Traum öffnete ich den Brief. Er enthielt das Portrait meines Freundes, so, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Es war ein Foto vom künstlerischen Format des Adam Mygdal. Heiß liefen mir die Tränen über das Gesicht. Adam Philipp, Liebster, wie denkst du dir das? Wie soll es nun weitergehen ohne dich?

Mir war sofort klar, dass nun auch Melander verschwunden war. Ich legte das 98. Portrait in Kasten 5. Wie ich vermutet hatte, befand sich das Negativ bereits ordnungsgemäß in dem Kästchen darüber. Ohne Bedenken nahm ich die Fotos samt den Negativen an mich und verließ die Wohnung.

Fast auf den Tag genau nach einem Jahr entschloss ich mich, Mygdals gesamte Portraitsammlung zu verbrennen. Ich wusste nicht, was mich dazu trieb. Wahrscheinlich wollte ich gründlich der Versuchung vorbeugen, Melander je so zwanghaft zu suchen, wie er Mygdal gesucht hatte.

Immer wieder hatte ich mir Melanders Stimme angehört. Jetzt habe ich mich dazu entschlossen, das Gespräch abzuschreiben und die Aufnahmen zu löschen. An manchen Tagen gelingt es mir bereits, nicht an Melander zu denken.

Nach dem zwölften Geburtstag meiner Tochter kam mir die ganze Geschichte wieder schlagartig vor Augen. Freunde meiner Tochter brachten mir die üblichen Geburtstagsfotos von Magdalene. Es traf mich wie ein Blitz: Magdalene war tatsächlich jenem Portrait noch ähnlicher geworden, das Mygdal von einem „wildfremden“ Mädchen angefertigt hatte.

Lange konnte ich keine Ruhe finden.

Ich übte mich darin, mir einzureden, ich hätte mir diese vertrackte Ähnlichkeit nur eingebildet. Ich war froh, Mygdals Fotos vernichtet zu haben, so dass mir jetzt erspart bleibt, womöglich mit dem Gegenteil fertig werden zu müssen. Wie komme ich los von dieser Geschichte? Noch immer geistert die Frage durch meine Träume: Wo bist du, Melander?